ADHS-Test online: worauf du achten musst — und wann eine Online-Diagnose gilt
Was hinter kostenlosen ADHS-Tests steckt, was mit deinen Gesundheitsdaten passiert und warum eine Online-Diagnose bei Psychotherapeuten berufsrechtlich nicht gedeckt ist — mit acht Fragen, mit denen du jedes Angebot prüfst.
Die Nachfrage nach ADHS-Abklärungen hat sich in wenigen Jahren vervielfacht, während die reguläre Versorgung überlastet ist. In diese Lücke ist ein ganzer Markt gewachsen: kostenlose Tests, Online-Diagnostik per Video, Anbieter zwischen seriöser Telemedizin und reiner Adressgewinnung. Für dich als Suchende ist von außen kaum zu erkennen, was was ist. Dieser Artikel gibt dir die Kriterien — auch die unbequemen, die uns selbst betreffen.
Was ist der Unterschied zwischen Online-Test und Online-Diagnose?
Ein Online-Test ist ein Fragebogen, der ein Ergebnis berechnet — er stellt nie eine Diagnose, egal wie ausführlich er ist. Eine Online-Diagnose stellt eine qualifizierte Fachperson, die dich über Video untersucht und dabei denselben Standards folgt wie in der Praxis. Der Unterschied liegt nicht im Medium, sondern darin, ob ein Mensch mit Approbation die Verantwortung übernimmt.
Diese Unterscheidung wird im Marketing systematisch verwischt. Ein Test, der am Ende „Ergebnis: ADHS wahrscheinlich“ ausgibt, klingt wie eine Diagnose, ist aber keine — und darf auch keine sein. Wer die beiden verwechselt, trifft womöglich Entscheidungen auf einer Grundlage, die dafür nicht gedacht war.
Ist eine ADHS-Diagnose online überhaupt gültig?
Das hängt davon ab, wer die Diagnose stellt — und in welchem Land. Ärztinnen und Ärzte dürfen im Einzelfall ausschließlich per Video beraten und behandeln. Für psychotherapeutische Fachpersonen ist die Diagnostik davon ausgenommen: Sie erfordert persönlichen Kontakt. Deutschland regelt das kammerweise, also je Bundesland; Österreich und die Schweiz regeln es bundesweit einheitlich.
Deutschland, am Beispiel Bayern
Berufsrecht ist in Deutschland Kammersache: Siebzehn Ärztekammern und zwölf Psychotherapeutenkammern geben jeweils eigene Berufsordnungen heraus. Die Regelungen ähneln sich stark, sind aber nicht identisch — verbindlich ist immer die Berufsordnung des Bundeslandes, in dem die Praxis Mitglied ist. Bayern als Beispiel:
Ärztinnen und Ärzte dürfen nach § 7 Absatz 4 der bayerischen Berufsordnung im Einzelfall ausschließlich über Kommunikationsmedien beraten und behandeln — wenn es ärztlich vertretbar ist, die erforderliche Sorgfalt gewahrt bleibt und du über die Besonderheiten dieses Wegs aufgeklärt wirst. Eine ADHS-Abklärung per Video ist damit nicht ausgeschlossen, aber auch keine Selbstverständlichkeit.
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten unterliegen einer strengeren Regel. Die Berufsordnung der Psychotherapeutenkammer Bayern sieht die Behandlung im persönlichen Kontakt vor; eine ausschließlich über elektronische Kommunikationsmedien durchgeführte heilkundliche Psychotherapie ist unzulässig. Ausdrücklich ausgenommen von der Fernbehandlung sind Diagnostik, Indikationsstellung und Patientenaufklärung. Eine ADHS-Diagnostik, die vollständig per Video läuft, ist bei psychotherapeutischen Fachpersonen also berufsrechtlich nicht gedeckt — beworben wird sie trotzdem.
Österreich
Österreich regelt bundesweit, es gibt keine Unterschiede zwischen den Bundesländern. Das Ärztegesetz verpflichtet in § 49 Absatz 2 zur unmittelbaren Berufsausübung; der Erstkontakt hat grundsätzlich in Anwesenheit zu erfolgen, auch wenn Videokonsultationen seit 2024 erleichtert wurden.
Für die Psychotherapie gibt es eine eigene Regelung: Das Psychotherapiegesetz 2024 führt in § 39 den Begriff der Online-Psychotherapie ein, dazu kommt eine Richtlinie des Sozialministeriums. Ihr Maßstab ist bemerkenswert konkret — entscheidend ist, ob die durch die Distanz verursachte Einschränkung der psychotherapeutischen Wahrnehmung noch eine fachgerechte Interaktion zulässt. Nicht das Medium ist verboten, sondern das, was durch das Medium verloren geht.
Schweiz
Auch die Schweiz regelt die Berufsausübung bundesweit; kantonal ist nur die Bewilligung. Für Ärztinnen und Ärzte wurde die Standesordnung der FMH für telemedizinische Angebote angepasst — ein starres Präsenzgebot gibt es nicht, Maßstab ist die ärztliche Sorgfaltspflicht im Einzelfall.
Für die psychologische Psychotherapie gilt das Psychologieberufegesetz; die Bewilligung zur selbstständigen Berufsausübung erteilt der Kanton, in dem gearbeitet wird. Die Berufsordnung des Berufsverbands FSP ist für dessen Mitglieder verbindlich und stellt die sorgfältige Abklärung vor die Behandlung.
Warum diese Grenze fachlich Sinn ergibt
Deutsche Kammern und die österreichische Richtlinie begründen sie gleich: In der Diagnostik müssen nonverbale Kommunikation und körperliche Ausdrucksformen unmittelbar wahrgenommen werden, weil sie für die Beurteilung psychischer Symptome relevant sind.
Bei ADHS ist das keine Formalie. Motorische Unruhe, Ablenkbarkeit im Gesprächsverlauf, wie jemand die Aufmerksamkeit über eine längere Sitzung hält — das gehört zum diagnostischen Bild. Ein Videofenster zeigt davon einen Ausschnitt: Oberkörper, gute Beleuchtung, ein Mensch, der weiß, dass er beobachtet wird und dessen Umgebung niemand sieht.
Was das für dich bedeutet: Eine berufsrechtlich fragwürdig zustande gekommene Diagnose kann später angezweifelt werden — von einer weiterbehandelnden Fachperson, einer Klinik oder einer Versicherung. Das berufsrechtliche Risiko trägt die Praxis, die Folgen im Alltag trägst du. Wenn du bereits eine solche Diagnose hast, steht weiter unten, wie du prüfst, was sie wert ist.
Und eine praktische Grenze, die du vor dem Buchen kennen solltest: Stimulanzien fallen unter das Betäubungsmittelrecht. Für Patientinnen und Patienten, die einer Praxis noch nicht bekannt sind, ist die Verordnung in der Videosprechstunde ausgeschlossen. Eine Online-Diagnose bekommst du also womöglich — das Rezept beim selben Termin in aller Regel nicht.
Über alle drei Länder hinweg gilt: Nicht das Medium allein entscheidet, sondern wer diagnostiziert — und was dabei beobachtbar sein muss. Wer überhaupt diagnostizieren darf, steht im Artikel Wer diagnostiziert ADHS bei Erwachsenen.
Unsere Haltung dazu, offen gesagt: Wir sind bei reiner Online-Diagnostik skeptisch. Nicht weil Telemedizin grundsätzlich schlechter wäre — bei Verlaufsgesprächen, Befundbesprechungen und Therapie ist sie ein Gewinn. Sondern weil die ADHS-Diagnostik von Beobachtung lebt, und Beobachtung über ein Kameraobjektiv verliert genau die Signale, auf die es ankommt. Der Weg, den wir für sinnvoller halten: alles digital vorbereiten, was sich digital vorbereiten lässt — und den Teil, der Anwesenheit braucht, auch in Anwesenheit stattfinden lassen.
Was tun, wenn du schon eine Online-Diagnose hast?
Eine berufsrechtlich fragwürdig zustande gekommene Diagnose ist nicht automatisch falsch — aber auch nicht automatisch belastbar. Entscheidend ist nicht das Medium, sondern was tatsächlich erhoben wurde. Fordere deinen Befundbericht an und prüfe drei Dinge: Wurde die Kindheit erhoben? Wurde die Beeinträchtigung gemessen? Wurden andere Ursachen ausgeschlossen? Fehlt eines davon, fehlt ein Diagnosekriterium.
Das ist kein Grund zur Panik, sondern eine Bestandsaufnahme. Vier Schritte:
1. Den Befundbericht anfordern. Du hast ein Recht darauf, deine Unterlagen einzusehen — in Deutschland regelt das § 630g BGB, in Österreich und der Schweiz bestehen entsprechende Auskunftsrechte. Ein Screenshot mit „Ergebnis: ADHS“ ist kein Befundbericht. Verlangt wird ein Dokument, aus dem hervorgeht, welche Verfahren eingesetzt wurden, wie lange das Gespräch dauerte und worauf sich die Einschätzung stützt.
2. Den Bericht gegen die Kriterien halten. Eine ADHS-Diagnose setzt voraus, dass Symptome seit der Kindheit bestehen, in mehreren Lebensbereichen auftreten, beeinträchtigen und sich nicht besser anders erklären lassen. Steht dazu nichts im Bericht, wurde es entweder nicht erhoben oder nicht dokumentiert. Beides ist ein Problem.
3. Entscheiden, was weiterverwendbar ist. Vieles muss nicht doppelt gemacht werden. Ausgefüllte Fragebögen, Kindheitsangaben und Alltagsbeispiele behalten ihren Wert, auch wenn die Einschätzung selbst nicht trägt. Wer diese Grundlage strukturiert mitbringt, braucht beim nächsten Termin keinen Neustart — genau dafür ist das Kairos ADHS-Assessment gebaut, und der Ablauf der Diagnostik zeigt, wo die Lücken sitzen.
4. Wenn nötig: die Kammer einschalten. Berufsaufsicht über psychotherapeutische Fachpersonen führen in Deutschland die Landeskammern. Wie das praktisch abläuft, macht die Psychotherapeutenkammer Bayern transparent: Für eine Meldung genügen eine kurze Darstellung des Vorwurfs und der Name der Fachperson, dazu eine Einwilligung, weil die betroffene Person angehört werden muss. Wer erst einmal nur Fragen hat, kann anonym anrufen. Am Ende steht entweder die Einstellung des Verfahrens, eine Rüge — über die auch die Approbationsbehörde informiert wird — oder ein Antrag ans Berufsgericht.
Das ist der Punkt, an dem aus „ärgerlich“ berufsrechtliche Konsequenzen werden. Und es ist der Grund, warum seriöse Anbieter diese Grenze nicht anfassen.
Was hinter kostenlosen ADHS-Tests steckt
Ein Test, der Geld kostet, erklärt sich selbst. Ein kostenloser wirft die Frage auf, wer ihn bezahlt. Fünf Modelle sind verbreitet:
- Lead-Magnet. Der Test ist der Einstieg in ein kostenpflichtiges Angebot desselben Anbieters. Deine E-Mail-Adresse ist der Preis.
- Vermittlungsprovision. Der Test leitet dich an Partnerpraxen weiter, die für jede Vermittlung zahlen. Das Ergebnis fällt dann tendenziell auffällig aus.
- Affiliate und Werbung. Am Ende stehen Empfehlungen für Nahrungsergänzung, Bücher oder Coachings, an denen der Anbieter mitverdient.
- Datenverwertung. Deine Angaben werden ausgewertet, weitergegeben oder für Werbeprofile genutzt.
- Reichweite. Redaktionelle Seiten setzen Tests als Traffic-Köder ein. Hier zahlst du mit Aufmerksamkeit — der Test ist meist der kürzeste und oberflächlichste.
Und weil die Frage naheliegt: Auch der Kairos-Selbsttest ist Modell eins. Er ist kostenlos, wir fragen deine E-Mail-Adresse für die Auswertung ab, und wir hoffen, dass du danach das kostenpflichtige Assessment in Betracht ziehst. Das ist die Rechnung, und sie steht hier, weil du sie kennen sollst. Was daraus folgt, kannst du prüfen: Ein Lead-Magnet, der jedem ein auffälliges Ergebnis ausgibt, wäre kurzfristig erfolgreicher — deshalb ist es ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Test dir auch sagt, dass sich dein Verdacht nicht verdichtet.
Was mit deinen Gesundheitsdaten passiert
Angaben zu Konzentration, Stimmung, Schlaf und Belastung sind Gesundheitsdaten. Die Datenschutz-Grundverordnung zählt sie in Artikel 9 zu den besonderen Kategorien personenbezogener Daten — sie dürfen nur mit deiner ausdrücklichen Einwilligung verarbeitet werden, und die Anforderungen sind höher als bei einer normalen Newsletter-Anmeldung.
Was du in zwei Minuten prüfen kannst, bevor du anfängst:
- Gibt es ein Impressum mit ladungsfähiger Anschrift? Fehlt es, brich ab.
- Nennt die Datenschutzerklärung konkret, was mit den Testdaten passiert — oder nur allgemeine Floskeln über Cookies?
- Werden Daten an Dritte weitergegeben? Besonders relevant, wenn der Anbieter an Praxen vermittelt.
- Kannst du Löschung verlangen, und ist gesagt, wie?
Ein seriöses Angebot beantwortet diese Fragen, ohne dass du suchen musst.
Acht Fragen, mit denen du jedes Angebot prüfst
Diese Liste zielt auf den Anbieter, nicht auf den Fragebogen. Sie lässt sich in wenigen Minuten durchgehen:
- Wer steht dahinter? Namen, Qualifikationen und Anschrift auffindbar — oder nur eine Marke?
- Wer wertet aus? Ein Algorithmus, eine psychologische Fachkraft oder eine ärztliche Person? Für ein Screening ist ein Algorithmus in Ordnung; für eine Diagnose nicht. Und wenn eine Psychotherapeutin diagnostiziert: Ist mindestens ein Termin in Anwesenheit vorgesehen? Ohne den ist die Diagnostik berufsrechtlich nicht gedeckt.
- Steht der Preis vorab auf der Website? Wenn Kosten erst im persönlichen Gespräch genannt werden, ist Vorsicht angebracht.
- Wird gesagt, worauf das Verfahren beruht? Ein seriöser Anbieter benennt seine Grundlage — bei ADHS die Diagnosekriterien nach DSM-5 oder ICD-10.
- Wird die Kindheit erhoben? Ohne Rückblick vor das zwölfte Lebensjahr ist keine ADHS-Diagnose möglich. Ein Angebot, das das überspringt, kann keine Diagnostik sein.
- Wird nach anderen Ursachen gefragt? Stimmung, Schlaf, Belastungen, Substanzkonsum. Fehlt das, fehlt der wichtigste Teil.
- Wird ein Ergebnis versprochen — oder eine Einordnung? „Erhalte deine Diagnose in 24 Stunden“ ist ein Verkaufsversprechen, keine Diagnostik.
- Was passiert nach dem Ergebnis? Ein konkreter nächster Schritt ist ein gutes Zeichen. Ein Bezahl-Button direkt hinter dem Ergebnis, ohne dass du je erfährst, was gemessen wurde, ist keins.
Fällt ein Angebot bei Punkt 5, 6 oder 7 durch, kannst du dir den Rest sparen.
Was ein guter Online-Test wirklich leisten kann
Nach all den Einschränkungen die andere Seite: Ein gutes Online-Screening ist wertvoll, es beantwortet nur eine kleinere Frage, als viele hoffen. Nämlich diese — verdichtet sich mein Erleben so, dass eine Abklärung sich lohnt?
Das klingt bescheiden und ist es nicht. Diese Frage steht bei den meisten Menschen jahrelang unbeantwortet im Raum. Sie zu klären, kostet ein paar Minuten und verändert, was als Nächstes passiert: Aus einem diffusen Verdacht wird eine Position, mit der sich arbeiten lässt — und mit der du in ein Fachgespräch gehen kannst, statt bei null zu beginnen. Wie dieses Gespräch dann abläuft, steht im Artikel zum Ablauf der Diagnostik.
Genau darauf ist der kostenlose Kairos-Selbsttest ausgelegt: Er deckt alle 18 Symptomkriterien des DSM-5 ab, nennt seine Grenzen offen und sagt dir auch, wenn sich nichts verdichtet. Prüf ihn ruhig an der Liste oben — das ist der Sinn der Liste.
Quellen
- Bayerische Landesärztekammer: Fernbehandlung (öffnet in neuem Tab) — ärztliche Fernbehandlung nach § 7 Absatz 4 der bayerischen Berufsordnung
- Psychotherapeutenkammer Bayern: Beschwerden und Berufsaufsicht (öffnet in neuem Tab) — Ablauf eines berufsaufsichtlichen Verfahrens, Rüge, Berufsgericht, Approbationsbehörde
- Psychotherapeutenkammer Bayern: Satzungen und Ordnungen (öffnet in neuem Tab) — dort die geltende Berufsordnung: persönlicher Kontakt für Diagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung
- Sozialministerium Österreich: Richtlinie Online-Psychotherapie (PDF) (öffnet in neuem Tab) — Maßstab der psychotherapeutischen Wahrnehmung bei Distanzbehandlung
- Sozialministerium Österreich: Berufskodex für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (PDF) (öffnet in neuem Tab) — Berufspflichten, sorgfältige Abklärung der Leidenszustände
- Bundesamt für Gesundheit Schweiz: Psychologieberufe — Berufsausübung (öffnet in neuem Tab) — kantonale Bewilligung nach Psychologieberufegesetz
- Berufsordnung des Berufsverbands FSP (PDF) (öffnet in neuem Tab) — verbindliche Berufsregeln für FSP-Mitglieder in der Schweiz
- BfArM: Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung — häufige Fragen (öffnet in neuem Tab) — Verordnung von Betäubungsmitteln und telemedizinische Grenzen
- Wolf Theiss: Telemedizin in Österreich — aktueller Stand und rechtliche Rahmenbedingungen (öffnet in neuem Tab) — Pflicht zur unmittelbaren Berufsausübung nach § 49 Ärztegesetz
- FMH: Telemedizin (öffnet in neuem Tab) — Anpassung der Standesordnung 2023 und Merkblatt zur Durchführung, berufsrechtlicher Rahmen in der Schweiz
- Artikel 9 DSGVO: Verarbeitung besonderer Kategorien personenbezogener Daten (öffnet in neuem Tab) — Gesundheitsdaten und die Anforderungen an die Einwilligung