ADHS-Fragebogen für Erwachsene: welche es gibt und was sie wirklich messen
ASRS, HASE, CAARS und Co: Welche ADHS-Fragebögen für Erwachsene es gibt, warum reine Symptomfragen zu falsch positiven Ergebnissen führen — und welche fünf Fragen ein Fragebogen stellen kann.
„Haben Sie Schwierigkeiten, sich auf Details zu konzentrieren?“ — kaum eine Frage klingt harmloser und ist so schwer zu beantworten. Denn ja, natürlich. Nur: Das gilt auch für jemanden mit einer Depression, für jemanden nach drei Monaten schlechtem Schlaf und für jemanden mit einer unbehandelten Schilddrüsenunterfunktion. Genau hier liegt das Problem der meisten ADHS-Fragebögen — und der Grund, warum es sich lohnt zu verstehen, was ein Fragebogen eigentlich misst.
Welche ADHS-Fragebögen gibt es für Erwachsene?
Es gibt vier Familien: Kurz-Screener wie der ASRS der Weltgesundheitsorganisation, umfassende Skalensysteme wie die HASE oder die CAARS, retrospektive Skalen für die Kindheit und Fragebögen zur Funktionsbeeinträchtigung. Jede Familie beantwortet eine andere Frage. Keine davon ist für sich genommen eine Diagnostik — und keines dieser Verfahren behauptet das von sich.
Das ist der wichtigste Satz vorweg: Die bekannten Instrumente sind gut gebaut für den Zweck, für den sie gebaut wurden. Das Problem entsteht dort, wo ein einzelner Baustein behandelt wird, als wäre er das ganze Haus.
Die fünf Fragen, die ein Fragebogen stellen kann
Wenn du verstehen willst, was ein Fragebogen leistet, hilft eine einzige Unterscheidung: Welche Frage stellt er überhaupt?
- Wie oft? — Die Symptomhäufigkeit. „Wie oft verlegen Sie Dinge?“ Der Klassiker, und die Grundlage fast aller bekannten Verfahren.
- Verglichen womit? — Statt nach Häufigkeit wird nach der Ausprägung im Vergleich zu anderen gefragt: eher stärker oder eher schwächer als der Durchschnitt?
- Was kostet es dich? — Nicht die Symptome, sondern ihre Folgen: Arbeit, Beziehungen, Finanzen, Haushalt.
- Seit wann? — Der Rückblick vor das zwölfte Lebensjahr.
- Was noch? — Alles, was dasselbe Bild erzeugen kann: Stimmung, Angst, Schlaf, Substanzkonsum, belastende Erfahrungen, körperliche Ursachen.
Die Diagnosekriterien des DSM-5 verlangen Antworten auf alle fünf. Die meisten Fragebögen beantworten eine.
Warum reine Symptomfragen zu falsch positiven Ergebnissen führen
Symptomfragen erfassen Beschwerden, nicht deren Ursache. Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Vergesslichkeit und Reizbarkeit entstehen bei ADHS — aber genauso bei Depression, Angststörungen, Schlafmangel, chronischem Stress oder einer Schilddrüsenfunktionsstörung. Ein Fragebogen, der nur nach Häufigkeit fragt, kann diese Ursachen nicht auseinanderhalten. Er misst, dass etwas nicht stimmt, nicht was.
Dazu kommt ein zweiter Effekt, der selten erklärt wird: Kurz-Screener sind absichtlich so gebaut. Ein Screening-Instrument soll möglichst niemanden übersehen — es wird auf hohe Sensitivität optimiert, und das geht zwangsläufig auf Kosten der Trennschärfe. Der ASRS-Screener wurde genau dafür entwickelt: als schneller Filter in großen Bevölkerungsstichproben, der eher zu viele Menschen markiert als zu wenige. Das ist kein Konstruktionsfehler, sondern der Konstruktionszweck. Problematisch wird es erst, wenn das Ergebnis wie ein Befund gelesen wird.
Praktisch heißt das: Wer gerade eine depressive Episode hat, wird in einem reinen Symptomfragebogen mit hoher Wahrscheinlichkeit auffällig — auch ohne ADHS. Und umgekehrt gilt dasselbe Problem in die andere Richtung, denn ADHS und Depression treten überdurchschnittlich oft gemeinsam auf. Ein auffälliger Wert sagt dann nicht, welches von beidem vorliegt — oder ob beides.
Klassische oder dimensionale Skala? Der Unterschied, den kaum jemand kennt
Fragebögen unterscheiden sich nicht nur darin, was sie fragen, sondern auch wie sie antworten lassen. Und dieser scheinbar technische Punkt entscheidet mit darüber, wie viele Menschen fälschlich auffällig werden.
Die klassische Häufigkeitsskala
Sie fragt nach Belastung: „Wie oft trifft das auf Sie zu?“ — von „nie“ bis „sehr oft“, oder von „nicht ausgeprägt“ bis „schwer ausgeprägt“. Wer keine Beschwerden hat, kreuzt unten an. Wer Beschwerden hat, kreuzt oben an.
Das erzeugt eine schiefe Verteilung: Die große Mehrheit sammelt sich am unteren Ende, eine kleine Gruppe schlägt aus. Statistisch ist das ungünstig, weil im entscheidenden Bereich — dem Übergang zwischen unauffällig und auffällig — kaum Differenzierung stattfindet. Und inhaltlich ist es anfällig, weil jede Form von Leidensdruck nach oben drückt. Depression, Angst, Erschöpfung, Schlafmangel: Alles hebt dieselben Werte.
Die dimensionale Skala
Sie stellt die Frage anders: nicht „wie sehr leiden Sie“, sondern „wie gut können Sie das, verglichen mit anderen“ — mit Antwortmöglichkeiten von deutlich überdurchschnittlich über durchschnittlich bis deutlich unterdurchschnittlich. Stärken und Schwächen liegen auf derselben Achse.
Die Werte verteilen sich dadurch annähernd normal, und genau daraus folgt die bessere Trennschärfe: Die Skala differenziert dort, wo es darauf ankommt. Die bekannteste Vertreterin dieses Prinzips ist die SWAN-Skala; publizierte Vergleiche weisen ihr eine bessere Spezifität als klassischen Symptomskalen zu.
Der inhaltliche Kern: Eine Fähigkeitseinschätzung ist weniger stimmungsabhängig als eine Belastungsangabe. Man misst damit eher eine Eigenschaft als einen Zustand — und ADHS ist definitionsgemäß eine Eigenschaft, die seit der Kindheit besteht.
Was in der Praxis tatsächlich eingesetzt wird
Und hier wird es unbequem: Praktisch alle Verfahren, die im deutschsprachigen Raum routinemäßig zum Einsatz kommen, sind klassische Häufigkeits- oder Schweregradskalen. Der ASRS mit seiner fünfstufigen Häufigkeitsskala. Die Selbst- und Fremdbeurteilungsbögen der HASE mit ihrer vierstufigen Schweregradskala. Die CAARS. Die BAARS-IV. Die retrospektiven Kindheitsskalen.
Dimensionale Verfahren sind in der deutschsprachigen Regelversorgung die Ausnahme — nicht weil sie schlechter wären, sondern weil sich Testtraditionen langsam bewegen und die etablierten Pakete seit Jahrzehnten eingeführt sind. Für dich als Betroffene heißt das: Wenn du irgendwo einen ADHS-Fragebogen ausfüllst, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit einer, der nach Häufigkeit fragt — mit allem, was oben beschrieben ist.
Was die bekannten Fragebögen abdecken — und was nicht
ASRS (Weltgesundheitsorganisation). Achtzehn Fragen zur Symptomhäufigkeit, dazu ein Sechs-Fragen-Screener. Beantwortet Frage 1. Frei verfügbar, weltweit verbreitet, gut untersucht — und ausdrücklich als Screening gedacht, nicht als Diagnostik.
HASE — Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene (Hogrefe). Das meistgenutzte Verfahrenspaket im deutschsprachigen Raum. Weil es so verbreitet ist, bekommt es weiter unten einen eigenen Abschnitt.
CAARS — Conners’ Adult ADHD Rating Scales. Selbst- und Fremdbeurteilung der Symptomatik mit Normwerten, verbreitet in der klinischen Praxis. Schwerpunkt auf Frage 1, mit einer differenzierteren Subskalenstruktur.
BAARS-IV — Barkley Adult ADHD Rating Scale. Symptome plus, und das ist die Besonderheit, ein eigener Teil zur Beeinträchtigung im Alltag. Damit einer der wenigen Fragebögen, die Frage 3 überhaupt stellen.
Retrospektive Kindheitsskalen. Erfassen Frage 4. Wichtig zu wissen: Diese Skalen teilen Varianz mit Ängstlichkeit und gedrückter Stimmung — wer sich heute schlecht fühlt, erinnert seine Kindheit belasteter. Sorgfältige Auswertungsverfahren rechnen diesen Anteil deshalb heraus, statt ihn als ADHS-Signal zu zählen.
Die Lücke, die durch alle Reihen geht: Frage 5 stellt kein ADHS-Fragebogen. Ob eine Depression, eine Angststörung, eine Schlafstörung oder ein Substanzkonsum das Bild besser erklärt, lässt sich mit einem ADHS-Instrument nicht beantworten — dafür braucht es Verfahren, die genau danach fragen. Genau deshalb umfasst das Kairos ADHS-Assessment neben den ADHS-Verfahren ein eigenes Panel zur Abgrenzung: sechs Verfahren, die prüfen, was sonst noch dahinterstecken könnte.
Die HASE im Detail
Wenn du im deutschsprachigen Raum eine ADHS-Diagnostik machst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dir Teile der HASE vorgelegt werden. Sie ist kein einzelner Fragebogen, sondern ein Paket aus mehreren Verfahren — deshalb lohnt der genauere Blick, Baustein für Baustein.
Die Kindheitsskala (WURS-k). Eine retrospektive Selbstauskunft über die eigene Kindheit, deutsche Kurzform der Wender Utah Rating Scale. Sie beantwortet Frage 4, und das ist unverzichtbar. Ihre Grenzen sind allerdings gut dokumentiert: Bei einem üblichen Trennwert erreicht sie in der Validierung eine Sensitivität von rund 85 Prozent bei einer Spezifität von etwa 76 Prozent — jeder vierte Mensch ohne ADHS wird also auffällig. Erschwerend kommt hinzu, dass die Erinnerung an die eigene Kindheit von der heutigen Verfassung eingefärbt wird: Wer aktuell depressiv oder ängstlich ist, erinnert seine Kindheit belasteter. Sorgfältige Auswertungsverfahren rechnen diesen Anteil heraus, statt ihn als ADHS-Signal mitzuzählen.
Die Symptom-Selbstbeurteilung (ADHS-SB). Die achtzehn Diagnosekriterien, von dir selbst auf einer vierstufigen Schweregradskala eingeschätzt. Beantwortet Frage 1 — mit den Eigenschaften einer klassischen Skala, die oben beschrieben sind.
Die Diagnose-Checkliste (ADHS-DC). Dieselben achtzehn Kriterien, diesmal von der Fachperson eingeschätzt. Der Fremdblick ist ein echter Zugewinn gegenüber reiner Selbstauskunft — inhaltlich bleibt es aber dieselbe Frage.
Das Wender-Reimherr-Interview (WRI). Der stärkste Teil des Pakets: ein strukturiertes Interview über 28 psychopathologische Merkmale, das auch Temperament, affektive Labilität und emotionale Überreagibilität erfasst — also Bereiche, die das DSM-5 gar nicht kennt. Ein zweiter Blickwinkel, den viele Verfahren nicht bieten.
Was der HASE strukturell fehlt
Drei Dinge, und sie folgen aus ihrer Bauweise, nicht aus mangelnder Qualität:
Kein DSM-5-Interview. Das Wender-Reimherr-Interview folgt den Utah-Kriterien — einem eigenständigen, historisch älteren Rahmen, der vor dem DSM-5 entstand. Es geht damit nicht die aktuellen Diagnosekriterien Punkt für Punkt durch. Das Verfahren, das genau das tut und international als Goldstandard der Erwachsenendiagnostik gilt, ist das DIVA-5: ein strukturiertes Interview, das die DSM-5-Kriterien für Gegenwart und Kindheit systematisch abfragt. Es ist kein Bestandteil der HASE.
Kein Maß für die Beeinträchtigung. Frage 3 stellt keines der Verfahren im Paket. Das DSM-5 verlangt aber deutliche Beeinträchtigung als eigenes Kriterium — nicht als Nebenprodukt eines hohen Symptomwerts.
Keine Abgrenzung. Frage 5 ebenfalls nicht. Die HASE ist ein ADHS-Instrument; ob eine Depression, eine Angststörung oder eine Schlafstörung das Bild besser erklärt, kann sie nicht beantworten. Das ist kein Mangel des Verfahrens, sondern eine Zuständigkeitsfrage — sie wird nur dann zum Problem, wenn niemand sonst diese Frage stellt.
Zusammengenommen: Die HASE deckt Symptome und Kindheit gründlich ab und liefert über das Interview eine Ebene, die anderen fehlt. Wer sie als vollständige Diagnostik behandelt, übersieht drei der fünf Fragen — und genau da entstehen falsch positive Befunde, besonders bei Menschen mit Begleiterkrankungen, die dieselben Symptome erzeugen.
Was ein Fragebogen niemals kann
Auch der beste Fragebogen bleibt eine Selbstauskunft. Er erfasst, was du über dich weißt und berichtest — nicht, was jemand an dir beobachtet, und nicht, was sich erst im Gespräch zeigt. Deshalb steht am Ende jeder seriösen Abklärung ein klinisches Gespräch mit einer Fachperson, kein Punktwert.
Und ein Fragebogen kann nicht entscheiden, ob das, was er misst, dich tatsächlich beeinträchtigt. Zwei Menschen mit identischem Summenwert können völlig unterschiedlich durchs Leben kommen — der eine hat Strukturen gefunden, die tragen, der andere nicht. Das DSM-5 verlangt deshalb Beeinträchtigung als eigenes Kriterium, nicht als Nebenprodukt der Symptomzahl.
Was das für dich bedeutet
Wenn du einen ADHS-Fragebogen ausfüllst — online oder in einer Praxis —, lohnen sich drei Fragen:
- Fragt er nur nach Häufigkeit? Dann misst er Belastung, nicht ADHS. Als erster Filter brauchbar, als Grundlage für Entscheidungen nicht.
- Fragt er nach der Kindheit? Ohne diesen Teil fehlt ein Diagnosekriterium, egal wie lang der Fragebogen ist.
- Fragt irgendetwas nach anderen Ursachen? Wenn nicht, bleibt die wichtigste Frage offen — und ein auffälliges Ergebnis bleibt mehrdeutig.
Ein einzelner Fragebogen ist ein Werkzeug, kein Urteil. Er wird erst dann belastbar, wenn er mit den anderen vier Fragen zusammengesetzt wird. Wie das in der Praxis abläuft, steht im Artikel zum Ablauf der Diagnostik.
Quellen
- Kessler et al. (2005): The World Health Organization Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS) — a short screening scale for use in the general population (öffnet in neuem Tab) — Entwicklung und Validierung des ASRS-Screeners als Filter für Bevölkerungsstichproben
- Swanson et al.: Categorical and Dimensional Definitions and Evaluations of Symptoms of ADHD — History of the SNAP and the SWAN Rating Scales (öffnet in neuem Tab) — warum klassische Symptomskalen schief verteilt sind und dimensionale Skalen besser trennen
- Alhajji et al. (2025): The SWAN Scale — Diagnostic Accuracy and Clinical Utility (öffnet in neuem Tab) — Spezifität dimensionaler gegenüber klassischen Symptomskalen
- Hogrefe: HASE — Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene (öffnet in neuem Tab) — Zusammensetzung des Verfahrenspakets
- Retz-Junginger et al.: Reliabilität und Validität der Wender-Utah-Rating-Scale-Kurzform (Der Nervenarzt) (öffnet in neuem Tab) — Sensitivität und Spezifität der retrospektiven Kindheitsskala
- Retrospektive Erfassung von ADHS-Symptomen in der Kindheit (Der Nervenarzt) (öffnet in neuem Tab) — Grenzen retrospektiver Selbstauskunft
- DocCheck Flexikon: Diagnostisches Interview für ADHS bei Erwachsenen (DIVA) (öffnet in neuem Tab) — strukturiertes Interview entlang der DSM-5-Kriterien
- S3-Leitlinie „ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“ (AWMF-Registernummer 028-045) (öffnet in neuem Tab) — Stellenwert von Fragebögen innerhalb der Diagnostik