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ADHS-Diagnose bei Erwachsenen: Ablauf, Wartezeit und der kürzere Weg

Wie eine ADHS-Diagnose bei Erwachsenen abläuft — und warum der übliche Weg ein Jahr dauert, obwohl die Untersuchung selbst nur wenige Termine braucht. Der strukturierte Weg über Screening, Hausarztpraxis und Spezialmedizin.

· Aktualisiert 2. August 2026· 9 Min. Lesezeit

Die Untersuchung selbst dauert wenige Termine. Der Weg dorthin dauert im Schnitt ein Jahr. Dieses Missverhältnis ist kein Naturgesetz, sondern die Folge eines fehlenden Schritts: Zwischen dem Verdacht und der Spezialsprechstunde gibt es in Deutschland keine Sortierung. Alle stellen sich in dieselbe Schlange — die mit dem eindeutigen Bild und die, bei denen sich am Ende etwas ganz anderes zeigt. Dieser Artikel beschreibt beides: was in einer ADHS-Diagnostik passiert, und wie der Weg dorthin deutlich kürzer wird.

Wie läuft eine ADHS-Diagnose bei Erwachsenen ab?

Eine ADHS-Diagnose entsteht aus vier Bausteinen: einem ausführlichen klinischen Gespräch, strukturierten Fragebögen und Interviews, dem Rückblick in die Kindheit und der Abgrenzung zu anderen Ursachen — psychischen wie körperlichen. Kein einzelner Baustein trägt die Diagnose allein. Es gibt keinen Bluttest und keinen Hirnscan, der ADHS nachweist.

Grundlage sind die Diagnosekriterien nach DSM-5 und ICD-10. Sie verlangen mehr als Symptome: Die Auffälligkeiten müssen seit der Kindheit bestehen, sich in mehreren Lebensbereichen zeigen, spürbar beeinträchtigen — und sie dürfen sich nicht besser durch etwas anderes erklären lassen.

Die deutsche S3-Leitlinie ADHS (AWMF-Registernummer 028-045) sieht für die Abklärung im Erwachsenenalter — in Österreich und der Schweiz gelten vergleichbare Zuständigkeiten — Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie oder psychosomatische Medizin vor, ebenso ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten. Bemerkenswert ist, wer an dieser Leitlinie mitgeschrieben hat: unter anderem die Allgemeinmedizin. Die Hausarztpraxis ist im Konzept also längst vorgesehen — sie wird in der Praxis nur selten genutzt.

Wie lange dauert es bis zur ADHS-Diagnose?

Eine Betroffenenbefragung mit 328 auswertbaren Antworten hat zwischen Dezember 2023 und Dezember 2024 gemessen, wie lange es vom ersten Bemühen bis zur fertigen Diagnose dauert. Ergebnis für Deutschland: im Bundesdurchschnitt rund zehn Monate — mit deutlichem Gefälle zwischen den Bundesländern, von 7,5 Monaten in Rheinland-Pfalz über 10 in Hamburg und 13 in Hessen bis zu 14 Monaten in Berlin.

Die Zahl ist dabei eher zu niedrig als zu hoch: Gezählt wurden nur abgeschlossene Diagnosen. Wer bis heute keinen Platz gefunden hat, taucht in der Statistik gar nicht auf. Auffällig ist außerdem, wie wenige Antworten aus den neuen Bundesländern, dem Saarland und Bremen kamen — ein Hinweis darauf, dass dort kaum diagnostiziert wird.

Der Grund für diese Dauer ist keine medizinische Schwierigkeit, sondern eine Verteilungsfrage. Die knappste Ressource im System — die fachärztliche und psychotherapeutische Sprechstunde — bearbeitet eine Frage, die zu diesem Zeitpunkt noch völlig unsortiert ist. Auf demselben Termin sitzen:

  • Menschen mit einem klaren, seit der Kindheit durchgehenden Bild
  • Menschen, deren Beschwerden von einer Depression, einer Angststörung oder chronischem Stress kommen
  • Menschen mit einer unbehandelten Schilddrüsenstörung, einem Eisenmangel oder einer Schlafapnoe
  • Menschen, bei denen mehreres gleichzeitig vorliegt

Alle vier Gruppen brauchen etwas anderes. Nur eine davon braucht wirklich die Spezialsprechstunde als ersten Schritt. In der Medizin nennt man die Sortierung vor der Behandlung Triage — und genau die fehlt hier.

Der strukturierte Weg: drei Stationen statt Warteschlange

Wer den Weg umdreht und vor dem Facharzttermin sortiert, kommt in vielen Fällen deutlich schneller zur Klarheit. Drei Stationen:

  1. Die Standortbestimmung — strukturiert erfassen, was vorliegt, bevor irgendein Termin gemacht wird.
  2. Die Hausarztpraxis — körperliche Ursachen ausschließen, die ohnehin ausgeschlossen werden müssen. Bei leichten bis mittelschweren Bildern kann die Abklärung hier weiter geführt werden.
  3. Facharzt und Psychotherapie — für komplexe Bilder, für die medikamentöse Einstellung und überall dort, wo es Spezialwissen braucht.

Der Unterschied zum Ist-Zustand: Station 3 bekommt nur noch die Fälle, die sie wirklich braucht — und diese Fälle kommen vorbereitet an.

Station 1: Die Vorarbeit, ohne die Station 2 nicht funktioniert

Dieser Schritt sieht nach „kann man machen, muss man aber nicht“ aus. Tatsächlich ist er der, der alles Weitere überhaupt möglich macht.

Eine hausärztliche Sprechstunde dauert zehn bis fünfzehn Minuten. In dieser Zeit lässt sich kein Symptominventar aufnehmen, keine Kindheitsanamnese führen, keine Beeinträchtigung messen und erst recht keine Differenzialdiagnostik betreiben. Das ist kein Vorwurf an die Praxis, sondern eine Frage der Taktung. Genau deshalb endet ein unvorbereiteter Termin fast immer gleich: „Klingt nach ADHS, ich überweise Sie.“ Und die Warteschlange beginnt von vorn.

Ein vollständiges Screening dreht das um. Es verschiebt den Aufwand dorthin, wo Zeit tatsächlich vorhanden ist — zu dir, in die Wochen vor dem Termin. Und es leistet etwas, das die Sprechstunde allein nicht kann: Es grenzt die Suche ein. Wer mit „ich kann mich nicht konzentrieren“ in die Praxis kommt, löst eine andere Untersuchung aus als jemand, dessen Unterlagen zeigen, dass sich der ADHS-Verdacht verdichtet, die Stimmung unauffällig ist — der Schlaf aber nicht.

Der Einstieg kostet nichts: Ein kostenloser ADHS-Selbsttest beantwortet die erste Frage, ob sich dein Erleben überhaupt so verdichtet, dass eine Abklärung sinnvoll ist. Wenn ja, erhebt das Kairos ADHS-Assessment genau das, wofür im Termin keine Zeit ist: aktuelle Symptomatik, Kindheit, Beeinträchtigung und die Abgrenzung zu anderen Erklärungen — inklusive des strukturierten Interviews, das die Praxis später mit dir durchgeht.

Eine Ebene fehlt dann noch. Alle Fragebögen sind Selbstauskünfte; sie erfassen, was du über dich denkst. Wer jahrelang kompensiert hat, beschreibt sich darin oft unauffälliger, als er tatsächlich ist. Die kognitive Profil-Analyse setzt deshalb daneben, was sich messen statt beschreiben lässt: Fokus, Impulskontrolle, Planung, Arbeitsgedächtnis und Ausdauer. Sie ergänzt das ADHS-Assessment und deckt auf, was die Kompensation sonst verdeckt.

Wer noch ganz am Anfang steht, findet in der Frage davor den besseren Einstieg.

Station 2: Die Hausarztpraxis — der übersprungene Schritt

Die meisten Menschen mit ADHS-Verdacht gehen an der Hausarztpraxis vorbei, weil sie annehmen, dort sei das Thema falsch aufgehoben. Das ist ein Missverständnis mit hohen Kosten, denn dort passiert etwas, das sonst nirgends passiert — und das die Spezialmedizin ohnehin voraussetzt.

Erstens die körperliche Abklärung. ADHS-Symptome sind unspezifisch. Konzentrationsprobleme, Erschöpfung, innere Unruhe und Reizbarkeit entstehen auch durch Erkrankungen, die eine Blutabnahme sichtbar macht. Die S3-Leitlinie sieht ausdrücklich vor, bei Hinweisen auf körperliche Ursachen ins entsprechende Fachgebiet zu überweisen — vorausgesetzt, jemand hat vorher hingeschaut. Der einzige Ort, an dem das schnell und selbstverständlich passiert, ist die Hausarztpraxis.

Zweitens der Zugang. Einen Hausarzttermin bekommt man in Wochen, nicht in einem Jahr. Und mit vorbereiteten, strukturiert erhobenen Unterlagen kann die Hausärztin die Abklärung deutlich weiter führen, als es heute üblich ist — bei leichten bis mittelschweren Bildern bis zum Abschluss. Was sie bisher davon abhält, ist nicht fehlende Kompetenz, sondern der Vorlauf: Symptomerfassung, Kindheitsanamnese, Beeinträchtigungsmessung und Differenzialdiagnostik sind in einer Regelsprechstunde nicht zu leisten. Liegt diese Vorarbeit vor, ändert sich die Rechnung.

Was hier ausdrücklich nicht gemeint ist: ein Zehn-Minuten-Gespräch, an dessen Ende „klingt nach ADHS“ steht. Diese Kritik an der hausärztlichen Route ist berechtigt — sie trifft nur nicht das, was hier beschrieben wird. Gemeint sind zwei konkrete Dinge: die körperliche Abklärung, die ohnehin jemand machen muss, und, wenn das Bild es hergibt, ein vollständiges strukturiertes Interview, das anderthalb Stunden dauern kann und Punkt für Punkt die Diagnosekriterien durchgeht. Der Unterschied liegt nicht in der Gründlichkeit, sondern darin, wer die Vorarbeit geleistet hat.

Wo die Grenze verläuft: Die medikamentöse Ersteinstellung mit Stimulanzien gehört bei Erwachsenen überall im deutschsprachigen Raum in fachärztliche Hand. In Deutschland regelt das § 44 der Arzneimittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses; Folgeverordnungen durch die Hausarztpraxis sind nur unter fachärztlicher Begleitung vorgesehen. Wer Medikamente in Betracht zieht, braucht also ohnehin einen Termin bei Station 3. Der Unterschied ist, dass er dann gezielt stattfindet — und nicht als erster Sortierversuch.

Welche körperlichen Ursachen abgeklärt werden sollten

Zu einer sauberen ADHS-Abklärung gehört ein Basis-Labor: Schilddrüsenwert (TSH), Eisenspeicher (Ferritin), Vitamin B12, Vitamin D, ein kleines Blutbild sowie Leber- und Nierenwerte. Dazu die Frage nach Schlafstörungen, insbesondere nach einer Schlafapnoe. Alle diese Befunde können ADHS-ähnliche Beschwerden erzeugen — und alle sind behandelbar.

Warum das mehr ist als Routine: Eine unerkannte Schilddrüsenunterfunktion oder ein ausgeprägter Eisenmangel produziert Konzentrationsstörungen, Erschöpfung und Reizbarkeit, die sich von ADHS-Beschwerden im Gespräch kaum unterscheiden lassen. Wird das nicht geprüft, kann am Ende eine Diagnose stehen, die das eigentliche Problem verdeckt — oder eine ADHS-Diagnose, die zusätzlich zutrifft, während die behandelbare Ursache unbehandelt bleibt.

Vor Beginn einer Stimulanzientherapie kommen Blutdruck und Herzfrequenz dazu — die NICE-Leitlinie NG87 sieht diese Kontrolle in jedem Fall vor. Ein EKG ist bei kardialen Risikofaktoren angezeigt, nicht generell. Auch das ist Hausarztterrain.

Station 3: Facharzt oder Psychotherapie

Die Spezialmedizin bleibt unverzichtbar — sie soll nur nicht die Sortierstelle sein. Sie ist der richtige Ort, wenn:

  • das Bild komplex ist oder mehrere Diagnosen im Raum stehen
  • die Vorbefunde widersprüchlich sind
  • eine medikamentöse Behandlung in Betracht kommt
  • eine Psychotherapie ansteht, die die ADHS mitbehandelt

Der Unterschied zum heutigen Weg: Mit einer strukturierten Vorerhebung und ausgeschlossenen körperlichen Ursachen beginnt dieser Termin nicht bei null. Statt Anamnese und Fragebögen abzuarbeiten, kann die Fachperson dort einsteigen, wo ihre Expertise tatsächlich gebraucht wird.

Was der strukturierte Weg an Zeit spart

Die reine Untersuchungszeit ist in beiden Fällen ähnlich: mehrere Termine über einige Wochen. Der Unterschied liegt davor.

Ohne Sortierung wartest du auf den Facharzttermin und beginnst dort bei null — in Deutschland im Schnitt rund zehn Monate bis zur fertigen Diagnose, in Österreich und der Schweiz je nach Region ähnlich. Mit Sortierung klärst du in den ersten Wochen, was ohne Wartezeit klärbar ist: Screening, Labor, körperliche Ursachen. In den Fällen, in denen die Hausarztpraxis die Abklärung abschließen kann, entfällt die lange Warteschlange ganz. In allen anderen beginnt der Facharzttermin nicht mehr bei null.

Es ist derselbe medizinische Standard — nur in einer Reihenfolge, die dem Engpass ausweicht, statt in ihn hinein.

So bereitest du dich vor

  1. Alltagsbeispiele sammeln. Notiere über einige Wochen konkrete Situationen statt Eigenschaften. „Ich habe zweimal eine Mahnung bekommen, obwohl das Geld da war“ ist im Gespräch mehr wert als „ich bin unorganisiert“.
  2. Kindheitsmaterial suchen. Zeugnisbemerkungen sind oft aufschlussreicher als Noten. Eltern und Geschwister fragen, solange es geht.
  3. Den Hausarzttermin früh machen — und die körperliche Abklärung dort ansprechen, statt auf den Facharzttermin zu warten.
  4. Strukturiert vorarbeiten. Was du an Station 1 erhebst, entscheidet darüber, was an Station 2 überhaupt möglich ist — und erspart dir im besten Fall die Warteschlange.

Was in den Symptomen bei Erwachsenen steckt, hilft dir beim Sortieren deiner Beispiele — je konkreter du in den Termin gehst, desto weniger Zeit verbrennt er.

Quellen

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Wichtiger Hinweis: Kairos ist eine psychologische Assessment-Plattform und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose. Ein auffälliges Ergebnis bedeutet nicht zwingend eine positive Diagnose, ein unauffälliges Ergebnis schließt eine positive Diagnose nicht aus. Für eine gesicherte Diagnose ist eine Abklärung durch eine Fachperson notwendig.