ADHS-Diagnosekriterien im Vergleich: ICD-10, DSM-5, ICD-11 und die Utah-Kriterien
Vier Kriterienkataloge, ein Störungsbild — und sie widersprechen sich. Warum dieselbe Person nach ICD-10 keine ADHS-Diagnose bekommt und nach DSM-5 schon, und was das für deine Abklärung bedeutet.
Es gibt nicht die Definition von ADHS. Es gibt vier, sie sind unterschiedlich alt, unterschiedlich streng — und sie widersprechen sich an entscheidenden Stellen. Das ist keine akademische Fußnote: Ob du eine Diagnose bekommst, hängt messbar davon ab, nach welchem Katalog deine Praxis arbeitet. Dieser Artikel legt alle vier nebeneinander.
Welche Diagnosekriterien gelten für ADHS?
Vier Kataloge sind relevant. Die ICD-10 ist im deutschsprachigen Raum die Abrechnungsgrundlage und zugleich die strengste und älteste Definition. Das DSM-5 ist der internationale Standard in Forschung und Diagnostik. Die ICD-11 nähert sich dem DSM-5 an, ist aber im deutschsprachigen Raum noch nicht eingeführt. Die Utah-Kriterien sind ein eigenständiger, erwachsenenspezifischer Ansatz, der emotionale Symptome einbezieht.
Praktisch heißt das: Diagnostiziert wird meist nach DSM-5, kodiert und abgerechnet wird nach ICD-10. Diese Diskrepanz ist Alltag und wird selten erklärt.
ICD-10: die strengste Definition — und die, nach der abgerechnet wird
In der ICD-10 heißt ADHS nicht ADHS. Sie firmiert unter F90, „Hyperkinetische Störungen“, eingeordnet bei den Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in Kindheit und Jugend. Drei Dinge machen diese Definition zur restriktivsten der vier:
Alle drei Symptombereiche müssen vorliegen. Unaufmerksamkeit und Überaktivität und Impulsivität. Die Forschungskriterien verlangen mindestens sechs von neun Unaufmerksamkeits-, mindestens drei von fünf Hyperaktivitäts- und mindestens ein von vier Impulsivitätssymptomen. Wer unaufmerksam, aber nicht hyperaktiv ist, erfüllt die Kriterien nicht.
Der Beginn muss vor dem siebten Lebensjahr liegen. Fünf Jahre früher als im DSM-5 — und damit in einem Alter, an das sich Erwachsene oft kaum noch belastbar erinnern.
Autismus schließt die Diagnose aus. Tiefgreifende Entwicklungsstörungen (F84) und Schizophrenie (F20) sind Ausschlusskriterien. Nach ICD-10 kann eine Person also nicht gleichzeitig ADHS und eine Autismus-Spektrum-Störung haben — obwohl beides regelmäßig zusammen auftritt.
Die Folge in der Praxis: Menschen mit dem rein unaufmerksamen Bild fallen durch das Raster und werden häufig unter Ausweichcodes geführt. Betroffen sind überproportional Frauen und alle, bei denen sich ADHS still zeigt.
DSM-5: der Standard, nach dem tatsächlich diagnostiziert wird
Das Klassifikationssystem der amerikanischen psychiatrischen Fachgesellschaft ist deutlich durchlässiger und erwachsenentauglicher:
- Drei Erscheinungsformen statt einer Pflichtkombination: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv, kombiniert.
- Beginn vor dem zwölften Lebensjahr statt vor dem siebten.
- Abgesenkte Schwelle für Erwachsene: Ab siebzehn Jahren genügen fünf statt sechs Symptome pro Bereich — eine Anerkennung dessen, dass sich Symptome mit dem Alter verändern.
- Komorbidität ausdrücklich erlaubt, auch mit Autismus. Das war die zentrale Änderung gegenüber der Vorgängerversion.
Ein Kritikpunkt bleibt: Die Formulierung der Symptome ist weiterhin kindzentriert. Kriterien wie „läuft herum oder klettert exzessiv“ wurden für Kinder geschrieben und für Erwachsene nur teilweise übersetzt. Wer als Erwachsener nicht klettert, sondern innerlich nicht zur Ruhe kommt, muss selbst übersetzen — oder die Fachperson tut es.
ICD-11: die Annäherung, auf die der deutschsprachige Raum noch wartet
Die ICD-11 räumt die meisten dieser Probleme ab. ADHS heißt dort 6A05 und ist als Entwicklungsstörung eingeordnet — parallel zum DSM-5. Der Begriff „hyperkinetische Störung“ entfällt vollständig.
Die Struktur folgt dem DSM-5: 6A05.0 vorwiegend unaufmerksam, 6A05.1 vorwiegend hyperaktiv-impulsiv, 6A05.2 kombiniert. ADHS im Erwachsenenalter wird ausdrücklich berücksichtigt statt als Randfall behandelt. Und die Doppeldiagnose mit Autismus ist erlaubt.
Der Haken: Die ICD-11 ist international seit 2022 in Kraft — kodiert und abgerechnet wird im deutschsprachigen Raum weiterhin nach ICD-10. Die Umstellung ist vorbereitet, aber nicht vollzogen. Fachleute kritisieren die Verzögerung deutlich, weil sie die Versorgung an eine Definition bindet, die der Forschungsstand überholt hat.
Die Utah-Kriterien: der einzige Katalog, der Emotionen ernst nimmt
Die Utah-Kriterien gehen auf Paul H. Wender zurück und sind der einzige der vier Kataloge, der von Anfang an für Erwachsene gedacht war. Sie umfassen sieben Dimensionen:
- Aufmerksamkeitsstörungen
- Überaktivität und innere Unruhe
- Temperament — Gereiztheit, kurze Zündschnur
- Affektive Labilität — Stimmungsschwankungen
- Emotionale Überreagibilität — Stressintoleranz
- Desorganisation
- Impulsivität
Erfüllt sind sie, wenn die ersten beiden Dimensionen vorliegen plus mindestens zwei der übrigen fünf.
Die Stärke: Vier der sieben Dimensionen betreffen Emotion und Selbstregulation. Damit erfassen die Utah-Kriterien etwas, das im DSM-5 und in der ICD bis heute schlicht nicht vorkommt — obwohl emotionale Dysregulation für viele Betroffene die alltagsprägendste Seite von ADHS ist. Wer Wut, Reizüberflutung und Stimmungsumschwünge als Kern seines Erlebens beschreibt, findet sich hier wieder und in den anderen Katalogen nicht.
Die Schwäche liegt in der Konstruktionsregel. Dimension 1 und 2 sind Pflicht. Wer unaufmerksam ist, aber keine Überaktivität oder innere Unruhe zeigt, kann die Utah-Kriterien nicht erfüllen — egal wie ausgeprägt alles andere ist. Damit teilen sie den blinden Fleck der ICD-10, ausgerechnet beim stillen, unaufmerksamen Bild. Dass sie zugleich als Grundlage verbreiteter Testverfahren im deutschsprachigen Raum dienen, macht diesen blinden Fleck wirksamer, als er sein müsste.
Warum dieselbe Person vier verschiedene Ergebnisse bekommen kann
Stell dir eine 34-jährige Frau vor. Sie verliert im Gespräch den Faden, verpasst Fristen, verlegt Dinge, hat Mühe, Aufgaben zu Ende zu bringen. Hyperaktiv war sie nie — als Kind galt sie als verträumt, aufgefallen ist das ab etwa neun Jahren, als der Stoff schwieriger wurde.
- Nach ICD-10: keine Diagnose. Es fehlt die Hyperaktivität, und der Beginn liegt nach dem siebten Lebensjahr.
- Nach den Utah-Kriterien: keine Diagnose. Dimension 2 ist nicht erfüllt.
- Nach DSM-5: Diagnose — ADHS, vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsform.
- Nach ICD-11: Diagnose — 6A05.0.
Dieselben Symptome, dieselbe Person, vier Kataloge, zwei Ergebnisse. Das ist der Grund, warum die Frage „nach welchen Kriterien arbeiten Sie?“ beim Erstkontakt legitim und sinnvoll ist — und warum ein negatives Ergebnis nicht immer bedeutet, dass nichts vorliegt.
Was das für deine Abklärung bedeutet
Drei praktische Konsequenzen:
Frag nach der Grundlage. Eine Praxis, die nach DSM-5 diagnostiziert und nach ICD-10 kodiert, arbeitet regelkonform — das ist der Normalfall. Eine Praxis, die ausschließlich nach ICD-10 prüft, wendet einen Maßstab an, den die Forschung überholt hat.
Nimm ein negatives Ergebnis nicht als Endpunkt. Wenn die Begründung lautet „keine Hyperaktivität“ oder „Beginn nicht vor dem siebten Lebensjahr belegbar“, ist das eine Aussage über den Katalog, nicht über dich.
Bring die Kindheit mit. Alle vier Kataloge verlangen einen Beginn in der Kindheit — sie unterscheiden sich nur im Stichjahr. Alte Zeugnisse und Erinnerungen von Angehörigen sind deshalb in jedem System der schwierigste und wertvollste Baustein. Mehr dazu im Artikel zum Ablauf der Diagnostik.
Das Kairos ADHS-Assessment arbeitet entlang der DSM-5-Kriterien und erfasst zusätzlich die emotionale Ebene, die dort fehlt — jene Dimensionen also, für die die Utah-Kriterien zu Recht bekannt sind. Kodiert wird am Ende trotzdem nach ICD-10, weil das Abrechnungssystem es so verlangt.
Quellen
- BfArM: ICD-10-GM, Block F90–F98 (Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend) (öffnet in neuem Tab) — amtlicher Wortlaut der hyperkinetischen Störungen einschließlich Ausschlusskriterien
- Klassifikation von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen in der ICD-11 (Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie) (öffnet in neuem Tab) — Systematik der ICD-11 und Unterschiede zur ICD-10
- Wender-Utah-Kriterien: die sieben Dimensionen im Überblick (öffnet in neuem Tab) — Aufbau und Erfüllungsregel der Utah-Kriterien
- S3-Leitlinie „ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“ (AWMF-Registernummer 028-045) (öffnet in neuem Tab) — Stellenwert der Klassifikationssysteme in der Diagnostik